Google Me gegen facebook – Kampf der Social Networks

Google versuchte bereits mehrfach im (neuen) Markt der Social Networks Fuß zu fassen. Das soziale Netzwerk Orkut, dessen User hauptsächlich aus Brasilien kamen und die Twitter-Adaption Google Buzz, die seit dem Release fast ausschließlich von „Bots“ gefüttert wird, schafften dies nicht. Das erfolgreichste Internet-Unternehmen der Welt scheint das Web 2.0 weites gehend verschlafen zu haben.

Nun Bahnen sich Gerüchte an, dass Google an einem sozialen Netzwerk mit dem Titel „Google Me“ arbeiten soll. Doch was müsste das soziale Netzwerk können, um sich ansatzweise gegen facebook behaupten zu können?

Bisher bestätigte Google von offizieller Seite das Gerücht um Google Me nicht. Es haben jedoch bereits mehrere Personen mit nahem Bezug zu Google bestätigt, dass daran gearbeitet wird und es voraussichtlich bereits dieses Jahr online gehen soll. Dabei sollen Social Games eine bedeutende Rolle einnehmen.

Angeblich soll Google bereits 100-200 Millionen Dollar in Zynga, Entwickler von FarmVille und anderen erfolgreichen Social Games, investiert haben. Ausserdem hat Google das Social Micropayment System Social Gold samt Entwickler Jambool gekauft.

Welche Funktionen jedoch müsste diese Plattform haben, um nicht wie eine (billige) Kopie von facebook zu wirken, sondern wirklich Innovation zu bieten?

8 Ideen, wie sich Google Me gegen Facebook behaupten könnte

1. Geringere Gebühren für Application-Anbieter mit Micropayment-System

Zynga hat sich vor nicht allzu langer Zeit ziemlich heftig mit facebook gestritten. Bisher benutzte Zynga für die Premium-Angebote ihr eigenes Payment-System. Nun möchte facebook an den Einnahmen der Social Games beteiligt werden und hat alle externen Payment-Systeme verboten. Dazu wird die plattformeigene Währung „Gutschriften“ beworben und den Applications-Anbietern 30% der Einnahmen abgenommen. Zynga wollte sich dies nicht gefallen lassen und überlegte bereits, sich komplett aus facebook zurück zu ziehen und eine eigene Plattform aufzubauen.

Facebook und Zynga konnten sich zwar einigen und haben eine fünfjährige Partnerschaft vereinbart – ob jedoch Zynga unterschrieben hat, ausschließlich auf facebook ihre Social Games zu veröffentlichen, ist nicht bekannt.

2. Schnittstellen für externe Anbieter

Facebook hat es mit dem „Gefällt mir“-Button vor gemacht, wie man sich prominent auf Traffic-starken Webseiten platziert. Auch die sogenannte „Like Box“ mit den letzten Einträgen der dazugehörigen Fanpage findet sich auf immer mehr Webseiten wieder. Doch Facebook erlaubt es nur in sehr geringem Umfang, die Social Widgets zu modifizieren.

Google zeigte bei der Individualisierung ihrer Produkte mehr Offenheit und dies könnte in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen, wenn es darum geht, welche Widgets von externen Anbietern auf die eigene Webseite eingebunden werden.

3. Mit Google Me zum Web 3.0?

Für viele ist Web 2.0 immernoch ein „Buzzword“ und trotzdem existiert bereits seit einiger Zeit der Nachfolger Web 3.0. Übersetzt bedeutet Web 3.0 die Verknüpfung von „Social“ und „Semantic“ und wird deshalb auch „Social Semantic Web“ genannt. „Semantic“ bedeutet, dass Suchanfragen nicht mehr stur nach der stärke der Webseite in Bezug auf die Keywords eine Liste der relevantesten Seiten ausspuckt, sondern Suchbegriffe logisch verknüpft werden – mit Daten oder Medien.

Wolfram Alpha zeigt die Möglichkeiten für das semantische Web ziemlich eindrucksvoll. Die Verbindung mit „Social“ könnte jedoch Einfluss auf die Suchergebnisse nehmen. Jeder eingeloggte User würde bei einer Google-Suche auf ihn angepasste Ergebnisse erhalten. Dabei gibt das soziale Umfeld (auch Social Graph genannt) die Empfehlungen für die Suchergebnisse. Denn Empfehlungen von Freunden sind laut Nielsen die vertrauenswürdigste Quelle bei Kaufentscheidungen.

4. Unternehmen auf Google Me

Sollte Google die social semantic Search einführen, wäre es für Unternehmen besonders wichtig, sich ein entsprechendes Profil auf Google Me einzurichten. Es ist davon auszugehen, dass Google Me ein ähnliches System wie Facebook mit seinen Fanpages besitzen wird.

Sollten Empfehlungen der Freunde auf Google Me Einfluss auf die Suche haben, müssen Unternehmen aktiv Content liefern. Einhergehend würden Unternehmen Anzeigen schalten, um ihre „Fanpages“ zu bewerben – sicherlich mit ähnlich umfassenden Möglichkeiten des Targetings wie auf Facebook. Diese Werbung könnte bei eingeloggten Usern auch die Adsense-Werbung teilweise ersetzen.

5. Verbindung mit bereits bestehenden Services

Google hat viele bekannte und auch einige weniger bekannte Services. Eine Verbindung der Services mit dem Social Network wäre aus meiner Sicht mehr als logisch und sinnvoll. Google Mail integriert in die privaten Nachrichten, Google Maps bei Events, Google Reader für die Pinnwand, Kalender für Geburtstage und Termine, etcpp. All diese Funktionen in einer Webseite und App für Smartphones. Solch einen Umfang kann Facebook in absehbarer Zeit nicht annehmen.

6. Desktop Anwendung für Google Me

Ich hatte bereits im Artikel „Das Internet der Zukunft“ geschrieben, dass ich Desktop Anwendungen – speziell für Communities – als sehr sinnvoll erachte. In Google Me’s Desktop Anwendung könnte der Chat Platz finden, Google Reader und Pinnwand News, Benachrichtung über neue Mails und so weiter. Ausserdem kann Google bei einer Desktop Anwendung noch mehr Informationen der User aufnehmen. Ob das aus datenschutzrechtlicher Sicht zu vertreten ist, wird sich zeigen.

7. Google TV und Google Me

Google TV verbindet Web-Inhalte mit dem heimischen Fernseher. Eine Verbindung mit Google Me könnte das langweilige Fernsehprogramm interaktiver gestalten: Mittels Funktastatur beim Fernsehen mit Freunden chatten, weiterführende Informationen zum Film erhalten oder in der Werbung eben bei FarmVille den Acker bestellen. Livesendungen könnten per Livestream mit Freunden kommentiert, bei Quizshows mitgeraten und bei Gewinnspielen direkt mitgemacht werden.

Mit „Social Gold“ könnte das Geld direkt abgezogen werden. Die Möglichkeiten sind quasi unbegrenzt. Zum Teil können dies die Fernbedienungen Betty und TiVo bereits, aber hier interaktiv mit seinen Freunden zu spielen, fern zu sehen und zu chatten, könnte Fernsehen nachhaltig verändern.

8. Google Wave in Google Me

Vor kurzem wurde Google Wave eingestellt. Ich glaube allerdings fest daran, dass die Technologie in Google Me wieder Verwendung finden wird. In Google Me könnte dies bedeuten, dass die Pinnwand komplett in Echtzeit aktualisiert wird. Ausserdem Threaded Discussions (Kommentar-Einschübe) und das Abspielen der Timeline bei größeren Diskussionen.

Google Wave sollte für die Planung von Events (Geburtstage, Firmenfeier, etc.) und Projekten helfen. Bei Google Wave fehlte es an Nutzern, mit einem Social Network könnte das Interesse der Nutzer steigen und mehr User an „Waves“ teilnehmen. Dadurch, dass man per Mobile App oder Desktop Anwendung fast immer mit dem Netzwerk verbunden ist, könnte man jederzeit von Unterwegs an den Projekten weiter arbeiten. So könnten auch Unternehmen ihre interne Kommunikation zum Teil in das Netzwerk verlagern.

Schlusswort

Dies waren meine Ideen, wie Google Me meines Erachtens Facebook die Stirn bieten könnte. Ich bin jedenfalls gespannt, wie der Kampf um die Vorherschafft im Social Web ausgehen wird – denn kampflos aufgeben wird Google sicher nicht.

Was denkt ihr: Hat Google eine Chance gegen Facebook? Würdet ihr wechseln, auf Facebook bleiben oder beide Social Networks parallel nutzen?

2 Kommentare

  1. Floho

    Grandioser Beitrag, mit viel Fachwissen! Ich denke Google hat wohl keine Chance mehr gegen Facebook. Google Me hat wohl nur dann eine Chance, wenn es perfekt ins OS eingebunden wird und nur wenn selbiges selbst ein riesiger Erfolg wird.
    Ob ich wechseln würde? Ich bin nicht mal bei FB angemeldet.

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  2. Muhawia

    Sehr interessanter Beitrag. Einiges davon deckt sich mit aktuellen Berichten und Vermutungen anderer IT – Spezialisten und Forscher. Ob Google dieses nun schafft, scheint dabei relativ egal zu sein. Zumindest hätten sie die Möglichkeit, den Schritt als Erste zu machen.

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